Die zukünftige Rolle des CIOs (Teil 8)

Patrick Naef
29. Apr 2021 | 3 Min. Lesezeit
Themen: Digitalisierung

Nach dem Thema «Konsumerisierung der IT und BYOx», den ich im letzten Teil meiner Blogreihe zum Thema Digitalisierung (Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7) beleuchtet habe, möchte ich heute zum Abschluss "Technologie als Thema für den Verwaltungsrat" anschauen.

Technologie als Thema für den Verwaltungsrat

Im Jahr 2003 ermutigte Nicholas Carr in seinem Artikel "IT doesn’t matter " Unternehmen, IT als eine Commodity zu betrachten, sie auszulagern und als reinen Kostenfaktor ohne strategischen Wert und für Innovationen irrelevant zu betrachten.

Seitdem hat sich viel verändert. Und im letzten Jahrzehnt hat die Digitalisierungswelle den meisten Unternehmen klargemacht, dass Informationstechnologie weit mehr ist als nur eine Massenware oder ein einfaches Business-Support-Tool. Die IT ist längst zu einem wichtigen, strategischen Asset geworden, das die Zukunft eines jeden Unternehmens bestimmt und einen Grossteil aller Innovationen vorantreibt. Technologie - und insbesondere IT - ist zu einer der strategischen Kernkomponenten praktisch jedes Unternehmens geworden.

Da die IT heute ein strategischer Schlüsselfaktor ist, könnte man erwarten, dass sich dies auch in der Zusammensetzung des Verwaltungsrates (non-exec board) von Unternehmen widerspiegelt. Trotz des strategischen Charakters sehen wir jedoch nur sehr wenige Unternehmen, die IT und Digitalisierung zu einem Thema erhoben haben, das es wert ist, auf Verwaltungsrats-Ebene etabliert und eingehend diskutiert zu werden. Nur wenige der grösseren Unternehmen - ausser vielleicht Technologieunternehmen - haben Personen in ihren Verwaltungsrat berufen, die fundiertes Wissen und ihre Erfahrung in Sachen IT und Digitalisierung in das oberste strategische Gremium des Unternehmens einbringen können.

Laut Constellation Research, einem führenden Technologie-Forschungs- und Beratungsunternehmen im Silicon Valley, sassen 2019 in "nur etwa 11 % der Fortune-500-Unternehmen erfahrenen Tech-Experten in ihren Verwaltungsräten".

Technologie bestimmt in Zukunft, wie Produkte und Dienstleistungen gestaltet, entwickelt, produziert und an den Markt geliefert werden, wie Unternehmen mit ihren Kunden, Lieferanten und Partnern interagieren und wie sie intern zusammenarbeiten. Unternehmen, die in dieser vernetzten Wirtschaft erfolgreich sein wollen, werden also Mitarbeiter in ihrem Verwaltungsrat haben müssen, die in der Technologie erfahren sind. Mitarbeiter, die verstehen, wie die Digitalisierung ihre Geschäftsmodelle, Produkte und Dienstleistungen verändern kann und wie ihr Unternehmen im digitalen Zeitalter effizient arbeiten kann. Diese Entwicklungen erfordern Verwaltungsräte, die persönliche, praktische Erfahrungen mit dem Vorantreiben der digitalen Agenda und deren Auswirkungen auf die Kultur, die Prozesse und die Organisationsstruktur etablierter Unternehmen gesammelt haben.

Eine Studie der MIT Sloan Management Review von Anfang 2019 zeigt, dass Verwaltungsräte, welche die Auswirkungen neuer Technologien auf den Geschäftserfolg verstehen, Unternehmen dabei helfen, die Konkurrenz hinter sich zu lassen. Darüber hinaus heisst es, dass "ein digital versierter Direktor zu sein, oft eine Folge der Dauer ist, die man in einer Branche mit hoher Taktrate verbracht hat, in der sich Geschäftsmodelle schnell ändern. Branchen wie z. B. die Software- oder Telekommunikation. Oder sie besitzen Erfahrung in einer Führungsposition mit einer starken Technologiekomponente."

Schaut man sich die Zusammensetzung der Verwaltungsräte der meisten etablierten Unternehmen an, so sind dort immer noch überwiegend Vertriebs-, Finanz- und Rechtsexperten vertreten. Und solche mit fundierter Erfahrung im traditionellen Kerngeschäft des Unternehmens; also Leute, die wissen, wie das Geschäft in der Vergangenheit erfolgreich betrieben wurde.

Wenn diese Unternehmen sicherstellen wollen, dass sie auch in Zukunft relevant und wettbewerbsfähig bleiben, muss sich das fundamental ändern. Wenn sie es versäumen, die IT als strategischen Vorteil zu nutzen, ihre Geschäftsprozesse und Produkte zu digitalisieren und sich neue, technologiegetriebene Geschäftsmodelle zu nutzen zu machen, laufen diese Unternehmen Gefahr, an den Rand gedrängt zu werden. "Digitaler Darwinismus ist grausam zu denen, die warten", sagt Ray Wang, Gründer und CEO von Constellation Research. Und das wird auch durch Zahlen untermauert: So sind seitdem beispielsweise mehr als 50 % der Unternehmen, die im Jahr 2000 Teil der Fortune-500-Liste waren, verschwunden. Die meisten von ihnen, weil sie es versäumt haben, Technologie für eine strategische Neuausrichtung ihres Geschäfts zu nutzen.

Mehr IT-/Digitalisierungsexperten im Verwaltungsrat zu haben, wird auch dazu beitragen, in diesen Gremien die strategische Diskussion in Richtung Technologie zu verschieben. Die IT wird zu einem zentralen strategischen Thema. CIOs wiederum müssen sich stärker engagieren, um mehr Visibilität beim Verwaltungsrat zu erhalten, strategischer denken, lernen, wie sie auf Verwaltungsratsebene kommunizieren und zur strategischen Agenda ihrer Unternehmen beitragen können.

Für viele unternehmerisch denkende CIOs mit Erfahrung in der digitalen Transformation kann dies auch neue Karrieremöglichkeiten eröffnen - etwa die Übernahme einer Rolle als nicht-exekutiver Direktor in einem Verwaltungsrat. Ausserdem wäre es für jeden CIO eine gute Entwicklungs- und Lern-Opportunität, damit zu beginnen, sich die notwendigen Strategiekenntnisse anzueignen, indem er einem Verwaltungsrat beitritt.

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Patrick Naef

Gepostet von Patrick Naef

Patrick Naef Verwaltungsratspräsident von UPGREAT und Managing Partner bei Boyden Executive Search. Er sitzt im Verwaltungsrat der Franke Group, einem weltweit agierenden Industrieunternehmen mit Hauptsitz in der Schweiz. Auch ist er der Gründer und CEO der ITvisor GmbH, einer Boutique-Beratungsfirma, die sich auf die Beratung von Organisationen bei der Digitalen Transformation und auf Coaching von IT-Führungskräften spezialisiert hat. Zudem ist er aktiv als Verwaltungsrat und Advisor für Startup-Unternehmen, doziert an Universitäten und sitzt in Advisory Boards von mehreren Venture Capital Firmen im Silicon Valley. Von 2006 bis Juni 2018 war er CIO bei Emirates Airline & Group in Dubai. Während dieser Zeit sass er auch im Verwaltungsrat von SITA, einem global tätigen Telekommunikations- und IT-Dienstleister. Von 2006 bis 2014 amtierte er als CEO von Mercator, einem Tochterunternehmen der Emirates Group. Weitere Positionen in seiner Karriere sind CIO bei SIG und bei Swissair, sowie Führungspositionen bei der Zürich Versicherung, HP und Bank Julius Bär. 2011 wurde er vom deutschen CIO Magazin und IDG zum «CIO der Dekade» in der Kategorie "Internationale Ausrichtung" gewählt. Patrick Naef ist Dipl. Informatikingenieur ETH, und hat einen Abschluss in Executive MBA der Universität St. Gallen, HSG.

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