Die zukünftige Rolle des CIOs (Teil 2)

Patrick Naef
25. Mär 2020 | 3 Min. Lesezeit
Themen: Digitalisierung

Wie im ersten Teil meiner Blogreihe erwähnt, sind in den letzten Jahren Digitalisierung und digitale Transformation zu Schlüsselthemen geworden, über die jedes Unternehmen nachdenken muss. In diesem Teil möchte ich weitere Aspekte beleuchten, die sich auf die Rolle des CIOs von Unternehmen, die sich mitten in der Digitalisierung und/oder digitalen Transformation befinden, auswirken.

Produkttechnologie vs. Prozesstechnologie

In den meisten Unternehmen ist die Verantwortung für Produkttechnologie und Prozess-IT immer noch strikt getrennt. Produkttechnologie (oder operative Technologie OT) ist die Technologie, die Teil der Produkte und Dienstleistungen ist, die vom Unternehmen produziert und angeboten werden. Die Prozess-IT hingegen ist die Technologie, mit der interne und externe Prozesse automatisiert und optimiert werden, z.B. ERP Systeme, Supply-Chain- Systeme etc. Typischerweise ist der CIO für die Prozess-IT, und jemand anderes (Produktentwicklung, CTO etc.) für die Produkttechnologie verantwortlich.

Da die Produkttechnologie mehr und mehr digitalisiert wird (d.h. IoT in Produkte eingebettet, softwaredefinierte Produkte usw.), wird es zusehends schwieriger, wenn nicht gar unmöglich, die beiden Bereiche zu trennen. Die enge Interaktion und Abstimmung zwischen den beiden Bereichen sind heute essenziell. Die in der Prozess-IT etablierten Methoden und Muster müssen an die Produkttechnologie angepasst werden, z.B. Cybersicherheit oder die Fähigkeit, mit den Produkten zu interagieren und diese weit über die Auslieferung der Produkte an die Kunden hinaus softwaremässig zu aktualisieren oder zu erweitern (Update und Upgrade). Ein gutes Beispiel dafür ist der Automobilhersteller Tesla, der erkannte, dass seine Fahrzeuge nicht "fertige" Produkte sind, wenn sie das Fliessband verlassen, sondern ständig aktualisiert und daher auch ständig an das Produktlebenszyklus-Management-System (PLM) des Back-End-ERP-Systems angeschlossen sein müssen. Der Wechsel von Hardware zu Software (softwaredefinierte Produkte) verstärkt diesen Effekt. Ein neues Modell ist für Tesla oft nur ein Software-Upgrade und Kunden können zusätzliche Leistung und Funktionen (z.B. zusätzliche Batteriekapazität, höhere Motorenleistung etc.) online kaufen und die zusätzliche Funktionalität sofort und online in ihr Fahrzeug eingespeist bekommen, ohne das Auto zu einer Servicestelle oder Werkstatt fahren zu müssen.

Diese Entwicklungen zeigen auf, dass die Zeiten der Trennung von Produkt- und Prozess-IT vorbei sind. Mit der Digitalisierung von Produkten nähern sich die beiden Disziplinen an und verschmelzen zu einer untrennbaren Einheit. Daher wird die traditionelle Trennung der Rolle des CIOs als Verantwortlicher rein für die Prozess-IT, während ein CTO für die Produkttechnologie zuständig ist, verschwinden. Entweder gelingt es dem CIO der Zukunft, sich als die Person zu positionieren, die auch Produktinnovation durch Informationstechnologie vorantreibt, oder sie/er wird irrelevant und kümmert sich zukünftig nur noch um Teile der Infrastruktur und der alten Back-End-Systeme.

Mit einem business-orientierten CIO, der auch die digitale Agenda seines Unternehmens vorantreibt, einschliesslich der Innovation und Digitalisierung von Produkten und Dienstleistungen, verlagert sich die Rolle des CIO aus dem Back-Office heraus, in den Kern der Produkte und Dienstleistungen. Eine stärkere Fokussierung auf strategische Themen der Technologie als Wegbereiter für neue Geschäftsmodelle, Produkte und Dienstleistungen, und die Förderung von Innovation durch Technologie (einschliesslich Produktinnovation) ist eine der wichtigsten Prioritäten des CIOs der Zukunft.

Dies setzt aber auch voraus, dass der CIO in der Lage ist, in Netzwerken zu arbeiten und zu denken, anstatt nur traditionell hierarchisch. Nicht Berichtslinien, sondern der Einfluss, den man auf das Unternehmen ausüben kann ist, was in vernetzten Strukturen zählt.

Virtualisierung der "Dinge"

Wenn man sich all die physischen Objekte ansieht, die wir noch vor einem Jahrzehnt benutzt haben, wird deutlich, dass viele von ihnen buchstäblich in ihrer physischen Form verschwunden sind und nun mehr als Daten oder Dienste in der Cloud oder als App auf unserem Smartphone oder Tablet "existieren". Dieser Trend zur Virtualisierung und Dematerialisierung von physischen Objekten wird auf die meisten Unternehmen fundamentale Auswirkungen haben. Während einige Branchen, wie z.B. die Musik- und Fotoindustrie, diese Auswirkungen bereits erlebt haben, müssen sich viele andere Unternehmen erst noch damit auseinandersetzen. Noch vor einem Jahrzehnt wurde der Grossteil der Musik auf physischen Tonträgern wie CDs, Kassetten, Schallplatten usw. verkauft. Heute wird die grosse Mehrheit der Musik online verkauft, gestreamt oder heruntergeladen. Physische Tonträger sind fast verschwunden. Vor zwanzig Jahren wurden Fotos meist in physischer Form, d.h. auf Papier gedruckt, an die Kunden geliefert. Heute ist der Fotodruck und -vertrieb buchstäblich verschwunden, und die Fotos werden in den meisten Fällen elektronisch verteilt.

Mit der Virtualisierung von Objekten sind die marginalen Kosten dieser Objekte auf null gesunken, und ihre Vervielfältigung, das Klonen und die Verteilung ohne Zeitverzögerung ist zur Realität geworden. Dies ist tatsächlich eine grosse Verlagerung von der physischen zur virtuellen Welt. Ein Wecker ist auf einem Smartphone kostenlos enthalten, ein Videorecorder als physisches Gerät wurde virtualisiert und steht heute als kostenloser Dienst in der Cloud als Teil Ihres Streaming-Abonnements zur Verfügung. Musik im mp3-Format (oder FLAC) kann technisch unbegrenzt kopiert und verteilt werden (wenn wir die Urheberrechtsfragen für einen Moment ignorieren), Speicherplatz für digitale Fotos ist in riesigen Mengen auf unseren Geräten oder in der Cloud verfügbar und praktisch kostenlos, gratis Karten auf unserem Smartphone oder Tablet haben physische Karten auf Papier längst ersetzt, usw.

Die Digitalisierung führt dazu, dass jedes Objekt, das Informationen erfasst/sammelt (d.h. Kamera, Mikrofon usw.), Informationen speichert (Bücher, Filmrollen, Musikkassetten, CDs, DVDs usw.), Informationen bearbeitet (Taschenrechner, Sprachübersetzer usw.) oder Informationen anzeigt (Uhr, Ticket, jede Art von Identifikationsmittel wie Schlüssel, Reisepass, Ausweise, Kreditkarten usw.), das Potenzial hat, in eine App oder einen Dienst in der Cloud oder auf unserem Smartphone dematerialisiert oder virtualisiert zu werden.

Bei dem Versuch, ihr Unternehmen oder ihre Unternehmensprozesse zu digitalisieren, ist es von den Unternehmen sehr kurzsichtig, nur einen angestammten Prozess zu automatisieren, der noch auf die physischen Objekte ausgerichtet ist. Wenn Unternehmen ihre Prozesse wirklich neu gestalten oder neu erfinden wollen, müssen sie über die physischen Objekte hinausdenken und sich eine Situation vorstellen, in der all diese Objekte virtualisiert werden. Wenn Fluggesellschaften beispielsweise Check-in-Schalter durch Selbstbedienungsautomaten ersetzen, ist dies nicht ausreichend durchdacht, denn in einer digitalisierten Welt ist eine Board-Karte, und damit der eigentliche Check-in-Prozess, nicht mehr erforderlich. Die Banken ersetzen zwar die Kassierer durch Geldautomaten, aber dies ist nur ein erster Zwischenschritt zur Kostensenkung. Der wirkliche Durchbruch für Bankkunden wird dann eintreten, wenn das gesamte Geld virtualisiert, und überhaupt kein Papiergeld mehr benötigt wird.

CIOs, die einen nachhaltigen und signifikanten Mehrwert für ihr Unternehmen schaffen wollen, sollten mehr tun, als nur den "low-hanging fruits" nachzugehen und die einfache Automatisierung etablierter Prozesse vorantreiben, um so kurzfristige Kosteneinsparungen zu erzielen. Vielmehr sollten sie auf weitsichtiger arbeiten und sich auf technologiegetriebene Innovationen konzentrieren. CIOs sollten eng mit ihren Geschäftskollegen zusammenarbeiten, um das Potenzial der Dematerialisierung physischer Objekte auszuschöpfen, die ihre Prozesse langsam, umständlich und teuer machen.

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Patrick Naef

Geschrieben von Patrick Naef

Patrick Naef ist Partner bei Boyden Executive Search und sitzt im Verwaltungsrat der Franke Group, einem weltweit agierenden Industrieunternehmen mit Hauptsitz in der Schweiz. Er ist auch Gründer und CEO der ITvisor GmbH, einer Boutique-Beratungsfirma, die sich auf die Beratung von Organisationen bei der Digitalen Transformation und auf Coaching von IT-Führungskräften spezialisiert hat. Zudem ist er aktiv als Verwaltungsrat und Advisor für Startup-Unternehmen, doziert an Universitäten und sitzt in Advisory Boards von mehreren Venture Capital Firmen im Silicon Valley. Von 2006 bis Juni 2018 war er CIO bei Emirates Airline & Group in Dubai. Während dieser Zeit sass er auch im Verwaltungsrat von SITA, einem global tätigen Telekommunikations- und IT-Dienstleister. Von 2006 bis 2014 amtierte er als CEO von Mercator, einem Tochterunternehmen der Emirates Group. Weitere Positionen in seiner Karriere sind CIO bei SIG und bei Swissair, sowie Führungspositionen bei der Zürich Versicherung, HP und Bank Julius Bär. 2011 wurde er vom deutschen CIO Magazin und IDG zum «CIO der Dekade» in der Kategorie "Internationale Ausrichtung" gewählt. Patrick Naef ist Dipl. Informatikingenieur ETH, und hat einen Abschluss in Executive MBA der Universität St. Gallen, HSG.

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