Die zukünftige Rolle des CIOs (Teil 4)

Patrick Naef
6. Aug 2020 | 2 Min. Lesezeit
Themen: Digitalisierung

Ich habe bereits in den ersten drei Teilen dieser Blogreihe (Teil 1, Teil 2, Teil 3) über die Digitalisierung und digitale Transformation in Unternehmen und der sich damit ändernden Rolle des CIOs geschrieben. In diesem Artikel möchte ich die Vorteile der Schatten-IT beleuchten.

Seit Jahrzehnten kämpfen CIOs gegen Schatten-IT-Organisationen (Shadow-IT) in ihren Unternehmen. Die weit verbreitete Ansicht war, dass alles was die IT betrifft, zentral vom CIO und seiner IT-Organisation kontrolliert und gesteuert werden müsse. Begründet wurde dies durch Security und Risiko-Aspekte, Kostenoptimierung, Vermeidung von Doppelspurigkeit, Standardisierung usw. Zwar konnten die Kosten durch die Zentralisierung der gesamten IT optimiert werden, die Kehrseite war jedoch, dass Geschwindigkeit, Innovationskraft und Nähe zum Geschäft und den Kunden unter einem solchen Ansatz litten. Schatten-IT-Teams hingegen sind in der Regel viel näher am Geschäft - sie sind sogar vollständig ins Business integriert - und verstehen das Geschäft und die Kunden besser als zentrale IT-Organisationen. Zudem sind sie aufgrund ihrer geringeren Grösse und ihres begrenzten Overheads typsicherweise viel schneller und agiler, um auf Marktgegebenheiten zu reagieren.

Vielleicht sollten Schatten-IT-Teams von CIOs eher als Segen denn als Fluch angesehen werden, solange die CIOs offen für eine Zusammenarbeit mit ihnen sind. Die Tatsache, dass Führungskräfte im Business Schatten-IT-Teams unterstützen und verteidigen zeigt, dass sie sich um die IT kümmern und sie als eine wesentliche und strategische Komponente ihres Unternehmens betrachten - und das ist gar nicht so schlecht.

Ich bin der Meinung, dass die Zeiten der grossen, zentralisierten IT-Organisationen, die die gesamte IT im Unternehmen kontrollieren, vorbei ist. Mit der zunehmenden Digitalisierung von Unternehmen und ihren Produkten/Dienstleistungen muss die Verantwortung und das «Ownership» über die IT als strategischer Teil des Unternehmens (zurück) in das Business verlagert werden. Innovation durch Technologie sollte auf allen Ebenen stattfinden und so nah wie möglich am Geschäft sein. Daher sind Schatten-IT-Teams am besten in der Lage Innovationen durch Technologie zu erzielen, da sie buchstäblich im Kern des Geschäfts sitzen

Jedoch einfach die IT-Teams zurück in die Geschäftsbereiche zu dezentralisieren und somit zurück in die traditionellen, hierarchischen Strukturen und damit Doppelspurigkeit, Ineffizienz und Inkompatibilitäten zu akzeptieren, kann nicht die Antwort sein. Vielmehr müssen wir im Netzwerk-Zeitalter von den traditionellen hierarchischen Strukturen wegkommen und eine vernetzte Struktur von IT-Fachleuten durch die gesamte Organisation schaffen, die auf gemeinsame Ziele hin arbeiten und von einem gemeinsamen Zweck (Purpose) getrieben werden, statt sich auf Berichtslinien zu konzentrieren. Dies ist vergleichbar mit der Art und Weise wie Agile Squads organisiert sind und effektiv zusammenarbeiten. Diese Teams setzen sich aus Mitgliedern verschiedener Organisationseinheiten (im traditionellen hierarchischen Sinne) zusammen, werden von einem gemeinsamen Zweck getrieben, arbeiten auf gemeinsame Ziele hin, organisieren und managen sich meist selbst und kümmern sich nicht um Berichtslinien und hierarchische Unternehmensstrukturen.

Die Rolle des CIO muss sich somit grundlegend ändern. Und zwar weg von der zentralen Kontrolle der IT als operative Einheit hin zu einem Coach, Katalysator und Netzwerker, der es dem Unternehmen ermöglicht, sich in ein digitales Unternehmen zu transformieren. Der CIO muss sich auch aktiv vom traditionellen hierarchischen Denken lösen und ein Vorbild für eine vernetzte Organisation werden. Nicht die Grösse der IT-Organisation, gemessen an der Anzahl Mitarbeitenden oder die Höhe des IT-Budgets definiert die Bedeutung der IT und damit die des CIOs, sondern der Mehrwert, den der CIO und die IT bringt und der Impact, die er/sie auf die Stakeholder des Unternehmens, d.h. das Business, die Mitarbeitenden, Kunden, Umwelt usw., ausüben kann.

CIOs müssen in der Lage sein mit Schatten-IT-Teams im gesamten Unternehmen zusammenzuarbeiten, von deren Nähe und Verständnis für das Geschäft sowie von deren Flexibilität und Innovationskraft zu profitieren, ohne dabei Kosten oder Sicherheit zu gefährden oder gar in ein unkontrolliertes Chaos abzudriften.

Beitrag teilen

Patrick Naef

Geschrieben von Patrick Naef

Patrick Naef ist Partner bei Boyden Executive Search und sitzt im Verwaltungsrat der Franke Group, einem weltweit agierenden Industrieunternehmen mit Hauptsitz in der Schweiz. Er ist auch Gründer und CEO der ITvisor GmbH, einer Boutique-Beratungsfirma, die sich auf die Beratung von Organisationen bei der Digitalen Transformation und auf Coaching von IT-Führungskräften spezialisiert hat. Zudem ist er aktiv als Verwaltungsrat und Advisor für Startup-Unternehmen, doziert an Universitäten und sitzt in Advisory Boards von mehreren Venture Capital Firmen im Silicon Valley. Von 2006 bis Juni 2018 war er CIO bei Emirates Airline & Group in Dubai. Während dieser Zeit sass er auch im Verwaltungsrat von SITA, einem global tätigen Telekommunikations- und IT-Dienstleister. Von 2006 bis 2014 amtierte er als CEO von Mercator, einem Tochterunternehmen der Emirates Group. Weitere Positionen in seiner Karriere sind CIO bei SIG und bei Swissair, sowie Führungspositionen bei der Zürich Versicherung, HP und Bank Julius Bär. 2011 wurde er vom deutschen CIO Magazin und IDG zum «CIO der Dekade» in der Kategorie "Internationale Ausrichtung" gewählt. Patrick Naef ist Dipl. Informatikingenieur ETH, und hat einen Abschluss in Executive MBA der Universität St. Gallen, HSG.

Ähnliche Beiträge