Low-Code – wie sinnvoll ist das Konzept wirklich?

Michael Koller
21. Jan 2021 | 3 Min. Lesezeit
Themen: Digitalisierung

In letzter Zeit ist um das Thema Low-Code ein kleiner Hype ausgebrochen. Angeblich ist es auf Basis solcher Low-Code-Plattformen möglich, individuelle Anwendungen zu erstellen – und das in kürzester Zeit und fast gänzlich ohne Programmierfähigkeiten. Klingt das zu gut, um wahr zu sein?

Low-Code – so funktionieren die Entwicklungsplattformen

Das Prinzip von Low-Code basiert auf vorgefertigten Code-Bausteinen. Über die Plattform, also eine spezielle Low-Code-Software, erstellen Nutzer dann eigene Anwendungen. Eine solche Plattform stellt zum Beispiel der Cloud-Anbieter Microsoft (Power Apps) zur Verfügung. Die Anwendungsentwicklung erfolgt Schritt für Schritt. In diesem Prozess wählt der Anwender die benötigten Bausteine sowie die gewünschten Datenquellen aus. Eine grafische Oberfläche erleichtert den Umgang mit der Low-Code-Plattform. Einzelne Anpassungen am Code sind möglich, um individuelle Funktionen hinzuzufügen. Dies unterscheidet Low-Code von dem noch einfacheren No-Code. Durch diesen Aufbau benötigen Anwender faktisch keine Programmierkenntnisse. Dies verschiebt die Anwendungsentwicklung von Spezialisten und Programmierern hin in die Fachabteilungen Ihres Unternehmens.

Die Stärken von Low-Code

Eine klare Stärke des Low-Code-Ansatzes ist die Möglichkeit, Branchenanwendungen mit geringem Aufwand selbst zu erstellen. Die Fachabteilungen sind oftmals der beste Ansprechpartner, wenn es darum geht, Anwendungen für den Arbeitsalltag zu entwickeln. Die Mitarbeitenden, die täglich mit diesen Anwendungen arbeiten, wissen genau, welche Funktionen sie benötigen. Mit einer Low-Code-Plattform erstellen die Mitarbeitenden in der Fachabteilung ihre eigenen Anwendungen.

Low-Code funktioniert nach dem Prinzip der modellgetriebenen Entwicklung, was ebenfalls ein Vorteil sein kann. Hierbei erfolgt die Entwicklung einer Anwendung über ein visuelles Modell, im Gegensatz zur klassischen Herangehensweise, die über den Code zur fertigen Anwendung gelangt.

Lesen Sie, wie die Digitalisierung die Produktivität fördert

Es gibt auch Nachteile beim Einsatz von Low-Code. Der erste Punkt hat mit der Low-Code-Plattform an sich zu tun. Durch den Einsatz von Low-Code binden Sie sich an eine bestimmte Entwicklungsplattform. Es gibt verschiedene Entwicklungsumgebungen, jedoch sind diese untereinander nicht kompatibel. Somit sind Sie dauerhaft an eine bestimmte Plattform gebunden, sobald Sie beginnen, Low-Code-Anwendungen in den Unternehmensalltag zu integrieren.Die negativen Aspekte von Low-Code-Anwendungen


Das Thema Kompatibilität sorgt auch an einer anderen Stelle für Probleme. Dies sind die Schnittstellen der Low-Code-Anwendungen. Der Import von bestimmten Daten in die Low-Code-Anwendung ist selten das Problem, vor allem wenn diese Informationen aus einer Datenbank stammen. Die fertige Anwendung hingegen steht meist für sich allein. Schnittstellen für die Integration und den Datenaustausch mit der restlichen Software in Ihrem Unternehmen ist standardmässig nicht vorhanden. Über eine API ist es teilweise möglich, eingeschränkte Schnittstellen hinzuzufügen. Tatsächlich erfordert dies jedoch wieder Programmierkenntnisse und arbeitet somit entgegen der angepriesenen Vorteile des Low-Code-Konzepts. Dennoch integriert sich eine solche Anwendung selten vollständig in die IT-Infrastruktur.

Das Thema IT-Sicherheit spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Hier zeigen sich gleich zwei Probleme bei Low-Code-Anwendungen:

  • Einerseits sind Sie von der Sicherheit der Plattform an sich abhängig. Dies kann unerwartete Wendungen nehmen, beispielsweise, wenn ein anderes Unternehmen den Betreiber der Low-Code-Plattform übernimmt.
  • Andererseits geht es auch um die Einhaltung von Sicherheitsstandards bei den selbsterstellten Anwendungen. So sind Sie darauf angewiesen, dass Ihre Fachabteilungen alle Datenschutzregeln einhalten. Es ist sogar möglich, dass Mitarbeiter Schwachstellen in die Low-Code-Anwendungen einbauen, wobei dies aus Versehen oder sogar absichtlich geschehen kann.
Durch Low-Code besteht ebenfalls die Gefahr, dass die Schatten-IT anwächst. Fachabteilungen greifen häufig auf die Low-Code-Plattform zurück, sobald sich der Einsatz dieser etabliert hat. Was zunächst wie ein positiver Effekt erscheint, kann dazu führen, dass Sie und Ihre IT den Überblick über die eingesetzten Anwendungen verlieren. Zahlreiche Apps für viele unterschiedliche Aufgaben erzeugen dann eine chaotische IT-Landschaft. Ausserdem kann es zu Problemen kommen, wenn der Autor einer solchen Anwendung den Betrieb verlässt, da unter Umständen niemand die Wartung dieser Anwendung übernehmen kann. Dies erinnert stark an die frühen 2000er Jahre, in denen viele Microsoft Access Anwendungen in den verschiedensten Fachabteilungen gebaut und mit der Zeit zu kritischen Anwendungen wurden, die sich aber niemand mehr anzufassen getraute.


Eine weitere Gefahr besteht darin, dass sich die Mitarbeiter Ihrer Fachabteilung in der App verlieren können – heisst, sie kümmern sich zu sehr darum, die entwickelte App zu pflegen und auszubauen und vernachlässigen dadurch ihre eigentlichen Kernaufgaben.

Fazit

Low-Code ist kein Werkzeug für den professionellen Einsatz. Darum rate ich in den meisten Fällen von der Entwicklung von Low-Code Applikationen durch Fachteams ab. Aus meiner eigenen Erfahrung als Software-Entwickler und Leiter des Software Engineering kann ich sagen, dass die Umsetzung einer Low-Code Applikation selten weniger Zeit und Kosten benötigt, als die Umsetzung ohne Low-Code Plattform durch einen Software Entwickler.

Für den Entwurf eines Prototyps zur schnellen Veranschaulichung des grundlegenden Verhaltens einer Anwendung, oder als einfache Zwischenlösung für einen dringenden Bedarf, können Low-Code Plattformen hingegen nützlich und sinnvoll sein.

Spielen Sie mit dem Gedanken eine Low-Code Plattform in Ihrem Unternehmen einzusetzen? Wir unterstützen Sie bei der Entscheidung und helfen Ihnen Ihre Geschäftsprozesse zu digitalisieren.

Beitrag teilen

Michael Koller

Gepostet von Michael Koller

Ich begleite Unternehmen seit vielen Jahren in der Umsetzung von Information Management-, Collaborations- und Intranetprojekten auf Basis der Microsoft Produktpalette. Mit meinem Entwicklerteam stehe ich für die Qualität in der Entwicklung neuer, innovativer Lösungen.

Ähnliche Beiträge